Bild: Unsplash/ Vitolda Klein
Letztes Jahr brauchten um die Hälfte weniger Menschen in Niederösterreich Unterstützung von der Schuldnerberatung als im Jahr zuvor. Vor allem Jugendliche sind um zwei Drittel weniger verschuldet als noch 2018. Doch jetzt explodierenden die Energiepreise und gestundete Zahlungen aus den Corona-Jahren werden endgültig fällig. Die Schuldnerberatung rechnet mit zahlreichen Privatinsolvenzen. Landeshauptfrau-Stellvertreter Franz Schnabl fordert deshalb ein Schutzpaket gegen Energiearmut.
Vor der Krise ist nach der Krise: Von COVID sind wir direkt in eine Inflationslawine geschlittert. Für viele, die zu Beginn von COVID ihren Job verloren haben und Mieten, Energiekosten oder sonstige Fixkosten stunden mussten, droht eine Katatstrophe. Denn die Schulden werden nun fällig. Vielen droht der Privatkonkurs.
Letztes Jahr haben sich in Niederösterreich 11.000 Menschen bei der Schuldnerberatung gemeldet, weil sie nicht mehr weiter wussten. Die Dunkelziffer liegt aber deutlich höher, und vermutlich steigend. Das bestätigt der Geschäftsführer der Schuldnerberatung in Niederösterreich, Michael Lackenberger.
Im ersten Lockdown mussten viele Mieten, Strom- und Heizkosten, oder Kreditraten stunden. Seitdem befürchtete man eine Unzahl Privatkonkurse durch Corona. Die sind bisher ausgeblieben, im Gegenteil: 2021 sind es sogar um mehr als die Hälfte weniger Beratungen gewesen als in den Jahren. Doch Schuldnerberater Lackenberger warnt: „Der Run kommt zeitlich verzögert, aber er kommt bestimmt.“
Denn viele Gläubiger und Eintreiber waren noch zurückhaltender – sie verschoben das Eintreiben von Schulden auf später. Doch sie werden zusehends ungeduldig.
Gleichzeitig bricht über die, die ohnehin schon wenig haben, die nächste Krise herein: Die rasende Teuerung wird für immer mehr Menschen existenzbedrohend. Strom-, Gas-, Heizöl- und Benzin explodieren. Und auch Lebensmittel werden immer teurer. Die Löhne können nicht mit der Inflation mithalten. Dass bei der Schuldnerberatung letztes Jahr weniger los war, war wohl nur die Ruhe vor dem Sturm.
Für Landeshauptfrau-Stellvertreter Franz Schnabl ist klar, die Politik muss handeln. Er fordert daher ein “Schutzpaket“, wie es die Arbeiterkammer vorgeschlagen hatte: mit einem Abschaltverbot für Strom, Gas und Wärme während der kalten Jahreszeit, langfristigen – bezahlbaren – Ratenvereinbarungen, höheren Heizkostenzuschuss. Außerdem soll die Mehrwertsteuer auf Energie vorübergehend wegfallen.
Freilich: die regierende ÖVP will davon weder im Bund noch in Niederösterreich etwas wissen. Sie verweist mit Unterstützung der Grünen auf ihr „Teuerungspaket“ – das deckt allerdings nur einen Bruchteil der Mehrkosten ab und entstand vor dem Krieg in der Ukraine. Seitdem sind die Energiekosten noch drastischer gestiegen. Der tatsächlichen Situation wird es also nicht ansatzweise gerecht.
Das „Schutzpaket“ kann natürlich nur eine Notlösung sein. Damit Menschen mit kleinen Einkommen sich das Leben auf Dauer wieder leisten können, braucht es für Schnabl „einen Mindestlohn von 1.700 Euro steuerfrei, um den Kaufkraftverlust auszugleichen.“
Langfristig sind die besten Mittel gegen Schulden Bildung, faire Löhne und gerechte Transferleistungen. Denn ein Drittel aller Menschen in Schuldnerberatung verdient weniger als das Existenzminimum von 996 Euro netto pro Monat. „Und hier ist die Ausbildung ausschlaggebend“, erklärt Landesrätin Ulrike Königsberger-Ludwig (SPÖ): „50 Prozent haben nur einen Pflichtschulabschluss. Bildung oder Ausbildung sind der Garant für ein selbstbestimmtes Leben.“
Durchschnittlich sind die Klientinnen und Klienten der niederösterreichischen Schuldnerberatung mit 93.900 Euro verschuldet. Dieser Durchschnittswert unterschlägt allerdings den großen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Während Frauen im Schnitt mit 47.700 Euro verschuldet sind, beträgt das Minus bei Männern.
Es gibt allerdings auch gute Nachrichten: Bei den Unter-25-Jährigen nahm die Verschuldung seit 2018 um zwei Drittel ab.
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