Der TikTok-Trend „Stay-at-home-Girlfriend“ (SAHG) zeigt junge Frauen, die nicht arbeiten gehen, sondern sich zu Hause um Haushalt, Ästhetik und ihren Partner kümmern. Die Partner wiederum übernehmen die finanzielle Absicherung. Was als liebevoller und entspannter Lifestyle inszeniert wird, bedeutet in Wirklichkeit eine Rückkehr zu traditionellen Rollenbildern mit teils gravierenden Folgen für die finanzielle und soziale Unabhängigkeit von Frauen.
Gastkommentar von Laura Wiednig
Laura Wiednig ist Leiterin der Stabsstelle Frauen- und Gleichstellungspolitik in der Arbeiterkammer Oberösterreich. Zuvor war sie fünf Jahre lang Geschäftsführerin der SPÖ Frauen Oberösterreich und engagiert sich seit Jahren in frauenpolitischen Netzwerken. Sie setzt in ihrer Arbeit klare Schwerpunkte: Einkommensgerechtigkeit, soziale Absicherung, Selbstbestimmung, Kinderbildung- und -betreuung sowie Gendermedizin.
Was nach persönlicher Entscheidung aussieht, ist oft strukturell bedingt: fehlende Kinderbildungs- und -betreuungsplätze, niedrigere Einkommen, unbezahlte Sorgearbeit und eine Arbeitswelt, in der Frauen häufig in Teilzeit arbeiten. Diese Muster zeigen sich besonders deutlich in Oberösterreich, wo bereits am 19. Juli der Equal Pension Day stattfand. Er markiert jenen Tag, an dem Männer so viel Pension bezogen haben, wie Frauen erst bis Jahresende erhalten werden. Mit einem Gender Pension Gap von 45,1 % liegt das Bundesland österreichweit auf dem vorletzten Platz. Frauen erhalten somit durchschnittlich 1.450 Euro Pension pro Monat – Männer 2.641 Euro. Das sind rund 16.000 Euro weniger pro Jahr.
Hinzu kommt, dass Österreich mit 50,7 % teilzeitbeschäftigten Frauen das Land mit der zweithöchsten Teilzeitquote in der EU ist. In Oberösterreich klafft die Lücke noch weiter auseinander: 43,7 % aller erwerbstätigen Oberösterreicherinnen haben einen Vollzeitjob, bei den Männern sind es 89,1 %. (Frauenmonitor 2024, AK Oberösterreich).
Entgegen dem gängigen Vorurteil arbeiten die meisten Frauen nicht freiwillig in Teilzeit. Der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) zeigt in einer Erhebung auf: Drei von vier Frauen arbeiten in Österreich unfreiwillig in Teilzeit, weil es weder ausreichend adäquate Kinderbildungs- und -betreuungsplätze noch genügend Unterstützung für pflegende Angehörige gibt. Zudem sind in vielen „frauendominierten“ Branchen wie dem Handel fast nur Teilzeitstellen verfügbar.
Oberösterreich Schlusslicht bei Kinderbetreuung, obwohl ÖVP OÖ zu „Kinderland Nummer 1“ machen will
Der SAHG-Trend mag für manche Frauen wie ein Ausdruck von Freiheit und Selbstbestimmung erscheinen. Doch in der Realität ist er häufig ein Symptom struktureller Ungleichheit. Wenn die Bedingungen in der Gesellschaft Frauen systematisch in abhängige Rollen drängen, ist es nicht die Entscheidung an sich, die kritisch ist, sondern die fehlenden Alternativen.
Solange Frauen weniger verdienen, die Sorgearbeit fast alleine tragen und kein flächendeckendes Kinderbildungs- und -betreuungsangebot verfügbar ist, bleibt jeder Trend, der auf finanzielle Abhängigkeit setzt, eine riskante Entscheidung mit negativen Langzeitfolgen.
Diese Maßnahmen sind aus Sicht der Arbeiterkammer Oberösterreich dringend nötig, um die strukturellen Hürden für Frauen zu reduzieren und die Einkommenslücken bis in die Pension zu schließen:
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