Von 2023 auf 2024 ist der Bedarf an Kinderkrippen in Niederösterreich stark angestiegen – um 20,5 Prozent. Der Ausbau hinkt – gerade in ländlichen Regionen – noch ordentlich nach. Die NeueZeit spricht mit Elementarpädagogin und Nationalratsabgeordneten Silvia Kumpan-Takacs über Fort- und Rückschritte in Niederösterreichs Familienpolitik.
NeueZeit: Von 2023 auf 2024 ist der Anteil der Kinder in Krippen stark angestiegen – um 20,5 Prozent. Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die Tatsache, dass etwa in Trautmannsdorf (Bez. Bruck an der Leitha) die Kleinkindbetreuungseinrichtung „Dorfdinos“ ab Herbst 2026 schließen wird?
Silvia Kumpan-Takacs: Der starke Anstieg zeigt ganz klar: Eltern wollen Kinderbildung schon in den ersten Lebensjahren – und die Kinder profitieren enorm davon. Studien belegen, dass frühe Förderung nicht nur die sprachliche und soziale Entwicklung stärkt, sondern auch die Basis für gleiche Bildungschancen legt. Genau deshalb ist es völlig unverständlich, wenn Einrichtungen wie die ‚Dorfdinos‘ geschlossen werden. Das ist nicht nur eine Fehlentscheidung auf Gemeindeebene, sondern ein Rückschritt für die gesamte Region.
Statt zusätzliche Plätze zu schaffen, werden Familien im Stich gelassen. Gerade am Land bedeutet das: Eltern finden keinen Platz in der Nähe, müssen auf private Betreuung ausweichen oder weite Wege fahren, die im Alltag kaum zu schaffen sind. Eltern werden dadurch gezwungen, ihre Arbeitszeit zu reduzieren oder ganz zuhause zu bleiben – mit allen Konsequenzen für Karriere, Einkommen und spätere Pension.
Kinderkrippen: Sollte selbstverständlich sein, dass es einen Betreuungsplatz in Wohnortnähe gibt
Kinderbildung darf aber nicht vom Wohnort abhängen. Jedes Kind hat das Recht auf die besten Startchancen, unabhängig davon, ob es in einer Stadt oder am Land aufwächst. Genau hier ist die Politik gefragt: Wir brauchen ein Netz an Einrichtungen, das für alle Kinder offen ist – flächendeckend, qualitätsvoll und leistbar.
Das Ziel muss sein, dass Eltern nicht dankbar sein müssen, wenn sie zufällig einen Platz finden, sondern dass es selbstverständlich ist, dass jedes Kind einen bekommt. Denn Kinderbildung ist nicht irgendein Zusatzangebot, sondern eine Investition in die Zukunft unserer Kinder und in die Zukunft unseres Landes.
Die Besuchsquote eines Kindergartens oder einer Krippe von Kindern unter 3 Jahren liegt in Niederösterreich bei 35,2 Prozent. Sie steigt, aber nur langsam. Gleichzeitig fordert die ÖVP Frauen sollten Vollzeit statt Teilzeit arbeiten. Wie ist das vereinbar?
Ganz ehrlich: Es ist überhaupt nicht vereinbar. Wer fordert, dass Frauen mehr Vollzeit arbeiten sollen, muss auch dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Solange es zu wenige Plätze gibt, solange Öffnungszeiten nicht an die Arbeitsrealität angepasst sind, bleibt Eltern oft nichts anderes übrig, als Teilzeit zu arbeiten.Und das trifft fast immer die Frauen. Das ist einer der Hauptgründe für geringere Einkommen und eine viel höhere Pensionlücke.
Wenn wir wirklich wollen, dass Frauen wirtschaftlich unabhängig sind, dann brauchen wir ein Recht auf hochwertige Kinderbildung ab dem ersten Geburtstag – mit Öffnungszeiten, die Beruf und Familie tatsächlich vereinbar machen.
Und es kann nicht, wie von der ÖVP vorgeschlagen, die Lösung sein, die Verantwortung einfach auf die Großeltern abzuwälzen. Natürlich sind Oma und Opa wichtige Bezugspersonen, die wertvolle Zeit mit ihren Enkelkindern verbringen. Aber Politik darf sie nicht verpflichten, Betreuungslücken zu stopfen. Ein Recht auf Großeltern ersetzt kein Recht auf Kinderbildung. Die Verantwortung für gute Rahmenbedingungen liegt beim Staat – nicht bei der Familie.

Steckbrief Silvia Kumpan-Takacs:
Silvia Kumpan-Takacs ist ausgebildete Elemntarpädagogin und arbeitete im Spielwarenhandel, der Kinder- und Ferienbetreuung, im Elementarbildungsbereich und schließlich als Kindergartenleitung in Maria Lanzendorf. Sie ist Bezirksfrauenvorsitzende der SPÖ Bruck an der Leitha und Ortsparteivorsitzende in Rauchenwarth. Seit Herbst 2024 ist Silvia Kumpan-Takacs für die SPÖ im Nationalrat.
Flächendeckend, leistbar und mit sinnvollen Öffnungszeiten – Fehlanzeige!
Wenn wir Frauen wirklich entlasten wollen, dann braucht es zwei Dinge: erstens ein Recht auf hochwertige Kinderbildung ab dem ersten Geburtstag – flächendeckend, leistbar und mit Öffnungszeiten, die Beruf und Familie vereinbar machen. Und zweitens echte Väterbeteiligung. Zukunftsmodelle dürfen nicht darauf hinauslaufen, dass Frauen alles alleine schultern, sondern müssen Halbe-Halbe ermöglichen. Das beginnt beim Papamonat und bei fairen Karenzmodellen und geht bis zur partnerschaftlichen Aufteilung der Sorgearbeit.
In Niederösterreich dürfen Kinder seit kurzem schon mit 2 Jahren in den Kindergarten und mit Gleichaltrigen spielen. Für unter 2-jährige liegt Niederösterreich bei der Betreuungsquote im Bundesländervergleich aber an drittletzter Stelle. Warum geht hier so wenig weiter?
Das Problem ist, dass die Landesregierung hier seit Jahren nur Schrittchen macht, während andere Bundesländer längst vorgemacht haben, wie es besser geht. Für Kinder unter 2 Jahren fehlen in Niederösterreich schlicht die Plätze – und das, obwohl gerade in dieser Altersgruppe die Nachfrage massiv gestiegen ist.
Gemeinden stoßen bei Ausbau von Krippen an finanzielle Hürden
Wenn die Landesregierung wirklich Priorität auf frühe Förderung und Vereinbarkeit von Beruf und Familie legen würde, dann gäbe es längst einen massiven Ausbauplan für die unter 2-Jährigen.Viele Gemeinden würden gerne mehr anbieten, stoßen aber an finanzielle und organisatorische Grenzen.
Steiermark: Mama will Vollzeit arbeiten, doch es fehlen die Kindergartenplätze
Dabei sind die ersten Lebensjahre entscheidend: Sprachförderung, soziales Lernen, gemeinsames Spielen – all das beginnt lange vor der Schule. Dass Niederösterreich hier an drittletzter Stelle liegt, ist kein Zufall, sondern Folge politischer Untätigkeit. Wir brauchen endlich einen klaren Ausbauplan und gezielte Investitionen in Kinderbildung für die Kleinsten – sonst verlieren wir wertvolle Jahre, die nie nachgeholt werden können.
Auch bei den Öffnungszeiten hinkt Niederösterreich nach. An vorletzter Stelle findet sich das Bundesland bei jenen Kindergärten, die zumindest bis 17 Uhr geöffnet haben. Nur 19 Prozent der Einrichtungen erfüllen dieses Kriterium. Was sagt man den Eltern, die berufsbedingt nicht vor 17 Uhr im Kindergarten sein können? Dass in manchen Regionen in NÖ ein Kind und ein Vollzeit- oder zumindest 30-Stunden-Job kaum vereinbar sind?
Was sage ich Eltern, die vor 17 Uhr nicht beim Kindergarten sein können? Sicher nicht: „Organisiert euch das privat.“ Ich sage: So darf es nicht bleiben!
Wenn Einrichtungen um 15 oder 16 Uhr schließen, während die Arbeitswelt bis 17 oder 18 Uhr geht, ist das eine Lücke in der öffentlichen Infrastruktur – und die trifft Familien jeden Tag. Das Ergebnis sehen wir: Vor allem Frauen reduzieren Stunden, landen in Teilzeit und tragen später die Pensionslücke. Das ist nicht privat zu lösen, das ist Aufgabe der Politik. Statt eines Flickenteppichs brauchen wir endlich klare Standards und ein flächendeckendes Angebot, das die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wirklich sicherstellt.
Schlechtere Öffnungszeiten führen zu geringerer Nachfrage – ein Teufelskreis
Im Mostviertel gibt es im Niederösterreich-Vergleich die niedrigsten Besuchsquoten bei Kindern unter 3 Jahren (29 Prozent, NÖ-Durchschnitt liegt bei 35,2 Prozent). Dementsprechend schlechter sind auch die Öffnungszeiten im Mostviertel im Vergleich mit anderen Regionen. Was war zuerst da: die geringere Betreuungsquote oder die schlechteren Öffnungszeiten?
Das ist ein klassisches Henne-Ei-Problem – aber am Ende ist es egal, was zuerst war. Fakt ist: Die schlechteren Öffnungszeiten führen dazu, dass Eltern die Einrichtungen weniger nutzen können. Und die geringere Nachfrage wird dann als Rechtfertigung genommen, um das Angebot nicht auszubauen. Das ist ein Teufelskreis.
Im Mostviertel sehen wir sehr deutlich, wie regionale Unterschiede Familien benachteiligen können. Ein Kind im Waldviertel oder Mostviertel darf nicht schlechtere Bildungschancen haben als eines im Zentralraum. Es braucht daher eine landesweite Strategie mit klaren Mindeststandards für Öffnungszeiten und Betreuungsqualität, damit die Eltern nicht abhängig sind von der Gemeinde, in der sie zufällig wohnen.
Und wir müssen den Blick nach vorne richten: Die Zukunft muss Modelle bringen, in denen best ausgebildete Pädagog:innen in best ausgebauten Kinderbildungseinrichtungen arbeiten – und in denen Mütter und Väter sich die Sorgearbeit fair teilen. Nur so schaffen wir gesunde, glückliche Kinder und echte Entlastung für die Familien in allen Regionen.
Um unsere Texte möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen, darf jeder unsere Artikel online oder in Print unter den folgenden Credits gratis weiter verwenden! Mehr Infos findest du beim Klick auf den Button unterhalb.