Österreich

Justiz-internes ÖVP-Netzwerk wollte den Leiter der Ermittlungen gegen Sebastian Kurz beschatten

Befragungswoche zwei im ÖVP-Korruptions-Untersuchungsausschuss. Geladen ist unter anderem ein Gruppenleiter der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA). Der berichtet von einer „einzigartigen Kampagne“ gegen die Korruptionsermittlerinnen und Ermittler der WKStA. Mittlerweile hätten sich die Arbeitsbedingungen aber gebessert. Chats des ehemaligen Sektionsleiters im Justizministerium, Christian Pilnacek, zeigen außerdem: Ein Justiz-internes ÖVP-Netzwerk wollte ausgerechnet jenen Beamten beschatten lassen, der die Ermittlungen gegen Ex-Kanzler Sebastian Kurz leitet.

Frühsommer 2019. Nach dem Ibiza-Video nehmen die Ermittlerinnen und Ermittler der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) ihre Arbeit auf. In den folgenden Monaten werden daraus die bisher wohl größten Korruptionsermittlungen des Landes. Aus Verdachtsmomenten gegen den ehemaligen FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache und befreundete Unternehmer werden später Ermittlungen gegen den Machtzirkel rund um Ex-Kanzler Sebastian Kurz und darüber hinaus.

Es dauert nicht lange, bis die ÖVP-Parteispitze zum „Gegenangriff“ übergeht: Die unangenehmen Ermittlungen sollten als „parteipolitisch motiviert“, die WKStA als „rotes Netzwerk“ dargestellt werden. Die türkise Strategie geht sogar so weit, dass ein mutmaßliches ÖVP-Netzwerk innerhalb der Justiz versucht, die Ermittlungen der WKStA zu kontrollieren.

Das bestätigte jetzt bei seiner Befragung im Untersuchungs-Ausschuss Bernhard Weratschnig, ein Gruppenleiter der WKStA. Er spricht von einer „einzigartigen Kampagne“ und von einem großen Druck, unter dem er und seine Kolleginnen und Kollegen gestanden seien.

„Ich stelle mir Observation vor“

Im Zentrum der „Kampagne“ gegen die WKStA standen Christian Pilnacek, ehemaliger Sektionschef im ÖVP-Justizministerium, und Christian Fuchs, Leiter der Oberstaatsanwaltschaft Wien.

Höhepunkt der türkisen mutmaßlichen Einflussnahme: Pilnacek und Fuchs wollten offenbar jenen Beamten der WKStA beschatten lassen, der die Ermittlungen gegen Sebastian Kurz leitet. Pilnacek schrieb an Fuchs:

“So arg, das kann man sich nicht gefallen lassen; […] ich stelle mir Observation vor“

Offizieller Grund der geplanten Überwachung war der Verdacht, der WKStA-Beamte würde Infos an Medien weiterspielen. Dabei wussten Sektionschef Pilnacek und Fuchs laut Chats, dass die undichte Stelle wo anders, nämlich bei der Polizei, lag.

„Spionin“ soll interne Infos aus der WKStA verraten haben

Die Chats deuten außerdem auf eine „Spionin“ in der WKStA selbst hin. Eine Staatsanwältin habe Interna – entgegen dem Dienstweg, wie Weratschnig in seiner Befragung sagt – an Christian Fuchs weitergeleitet. Später wechselte eben diese Staatsanwältin dann zur Anwaltskanzlei „Ainedter & Ainedter“. Die Kanzlei vertritt mittlerweile Beschuldigte in der ÖVP-Inseraten-Affäre.

Immerhin: WKStA-Gruppenleiter Weratschnig sagt vor dem Untersuchungs-Ausschuss, die Arbeitsbedingungen der Korruptionsermittler hätten sich verbessert. Es gebe jetzt weniger Berichtspflichten und man müsse die Oberbehörde nicht mehr vorab über geplante Hausdurchsuchungen informieren.

Trotzdem bräuchte es laut Weratschnig mindestens drei zusätzliche Ermittlerinnen und Ermittler, um alle derzeit ausständigen Fälle zügig bearbeiten zu können.

Zum Weiterlesen: U-Ausschuss Vorsitzender Sobotka drehte Abgeordneten vor Nehammer-Befragung die Mikros ab

NeueZeit Redaktion

Ähnliche Artikel

  • Gesellschaft

Feiern mit Folgen: Wenn die Silvesternacht für Tiere zur Stressfalle wird

Der Jahreswechsel ist für viele Menschen ein Anlass zum Feiern. Für Haus- und Wildtiere jedoch…

28. Dezember 2025
  • Teuerung

Weihnachten 2025: Sparen & spenden statt schenken

Eine aktuelle Umfrage von Deloitte zeigt, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung plant, zu Weihnachten…

20. Dezember 2025
  • Klagenfurt

Klagenfurt: Erneuter Überstunden-Eklat bringt FSP unter Druck

Die Auszahlung eines hohen Überstundenkontos von Vizebürgermeister Patrick Jonke (FSP, vormals Liste Scheider) sorgt erneut…

20. Dezember 2025
  • Niederösterreich

Milliardenumsätze bei EVN: 162 Mio. Euro Dividende sorgen für Debatte um Energiepreise

Die EVN hat im Geschäftsjahr 2024/25 erneut ein hohes Ergebnis erzielt. Zwar ging der Gewinn…

19. Dezember 2025
  • Oberösterreich

UNIMARKT: Acht Filialen schließen fix vor Weihnachten

Wie seit September 2025 bekannt, zieht sich die Supermarktkette UNIMARKT mit Sitz in Traun (Bezirk…

18. Dezember 2025
  • Frauen

Wie „My Voice, My Choice“ sichere Abtreibung zur EU-Agenda macht

Mehr als 20 Millionen Frauen in Europa haben keinen verlässlichen Zugang zu sicheren Schwangerschaftsabbrüchen. Dass…

18. Dezember 2025