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Der CO2-Fußabdruck ist ein PR-Trick: Öl-Konzerne geben Verbrauchern die Schuld an der Klimakrise

Bild: www.pexels.com / Montage

Jeder kennt den “CO2-Fußabdruck”. Wenn nur jeder Einzelne seinen Lebensstil ändert, kann der Klimawandel gestoppt werden, so die Idee dahinter. Die Geschichte zeigt: Der Öl-Riese BP machte den CO2-Fußabdruck in den frühen 2000er Jahren populär. Dem britischen Mineralölunternehmen ging es damals vor allem um eines: Von ihrer eigenen Schuld am Klimawandel abzulenken. Denn das Denken in Fußabdrücken suggeriert: Die Verantwortung liegt nicht beim Unternehmen, sondern beim Verbraucher. 

Seit den 1970er-Jahren weiß die Wissenschaft von der Bedrohung durch den menschengemachten Klimawandel. 1977 legte der Klimatologe James F. Black erstmals Beweise dafür vor. Er prophezeite verheerende Folgen für das Weltklima. Eine Erwärmung von 2-3 Grad sei wahrscheinlich. US-Präsident Lyndon B. Johnson warnte sogar schon im Jahr 1965 in einer Rede vor dem amerikanischen Kongress: “Unsere Generation verändert durch das Verbrennen fossiler Energieträger die Zusammensetzung der Atmosphäre im globalen Maßstab”. Die Fakten lagen also auf dem Tisch. In den folgenden Jahrzehnten tat sich allerdings wenig. 

Große Konzerne mit besonders klimaschädlichen Produktionszweigen sahen ihr Geschäft durch die wissenschaftlichen Erkenntnisse bedroht. Teilweise waren es ihre eigenen Forschungsteams, die zu dem Ergebnis kamen, dass ihre CO2-Emissionen schädlichen Einfluss auf das Klima haben. So zum Beispiel auch beim Öl-Konzern Exxon, in Österreich bekannt durch die Marke “Esso”. Doch anstatt ihre Produktion umzustellen, ließ der Konzern die Forschungsergebnisse verschwinden, wie das Magazin Inside Climate News jüngst aufdeckte. Das Unternehmen finanzierte stattdessen Gegenstudien. Darin wurde bezweifelt, dass CO2-Emissionen wirklich zum Klimawandel beitragen. Millionenschwere Kampagnen diffamierten die Ökologiebewegung als “einen Haufen Spinner”. Das war in den 70er-Jahren. Und lange Zeit hatten die Öl-Konzerne damit Erfolg. 

Die wissenschaftlichen Beweise wurden aber immer schlagender. Den Klimawandel leugnen war keine Option mehr. Und so änderten die Öl-Konzerne in den frühen 2000er Jahren ihre Strategie. 

Konzerne wie BP schieben mit dem CO2-Fußabdruck Verbrauchen die Schuld zu

Damals versuchte der britische Mineralölkonzern British Petroleum, kurz BP, sein Image zu erneuern. Der Konzern stellte sich als “nachhaltig” dar. Er änderte zum Beispiel das Firmenlogo in die bis heute bekannte Blumen-Sonnen-Kombination. Das wirkte freundlicher und grüner als das bisherige Schild-Logo. Außerdem änderte der Konzern seinen Namen. BP stand ab da für “Beyond Petroleum”, “Jenseits von Öl”. Man könnte denken, der Konzern investierte von nun an in Alternativen zu Öl und Erdgas. Die Namensänderung war aber reiner Etikettenschwindel. Der Konzern produzierte und verkaufte einfach weiter Öl und Gas. 

BP änderte sein Logo, um sich wie mit dem CO2-Fußabdruck als sauberer und grüner darzustellen.
Bild: BP Europa SE
Das alte Logo von BP. Der Konzern machte den CO2-Fußabdruck in seiner Geschichte populär.
Bild: Wikimedia/Hakan Dahlström

Am folgenschwersten war jedoch eine Kampagne, die der Konzern im Jahr 2004 startete. BP gab 250 Millionen Dollar aus, um den Begriff des “CO2-Fußabdrucks” populär zu machen. Das Konzept existierte bereits seit den 1990er-Jahren, aber BP machte es erst so richtig bekannt. Auf der Website “Drive your own Carbon Footprint” kann sich bis heute jeder seine eigenen Emissionen ausrechnen. Damit lenkte BP die Aufmerksamkeit auf den individuellen Verbrauch. Als Metapher diente ironischerweise die klimaschonendste Weise sich fortzubewegen: Zu Fuß gehen. Die Botschaft an die Konsumentinnen und Konsumenten war klar: “Die Erderwärmung und Umweltverschmutzung ist eure Schuld, nicht die der Unternehmen.” 

Die Geschichte zeigt: Der CO2-Fußabdruck war ein Ablenkungsmanöver. Man stelle sich vor, auf der Website hätte man stattdessen die CO2-Emissionen verschiedener Konzerne berechnen können. Die Diskussionen rund um den Klimawandel und seine Bekämpfung wären vermutlich gänzlich anders verlaufen.  

Die Klimaschuld ist ungleich verteilt

Denn das Denken in CO2-Fußabdrücken legt nahe, dass jeder Einzelne gleich viel Schuld an der Klimaerwärmung trägt. Das ist jedoch nicht der Fall. Große Fossilunternehmen beeinflussen durch ihr Angebot viel stärker, was getankt und womit geheizt wird. Die Verbraucherinnen und Verbraucher sind davon in hohem Maße abhängig. Viele Menschen sind auf das Auto angewiesen, um zur Arbeit zu fahren. Die meisten Wohnungen werden noch immer mit Gas beheizt. Ökologische Alternativen sind für die meisten Menschen nicht leistbar. Der Marktmacht der Unternehmen kann der Einzelne also wenig entgegensetzen. 

Zwar hat auch der Verbraucher durch seine Konsumentscheidung einen gewissen Einfluss auf das Klima. Seine Entscheidungsmacht hängt jedoch von der Größe seines Portemonnaies ab. So sind in Österreich die reichsten 10% für ein Viertel aller CO2-Emissionen verantwortlich. Das ergab eine Studie von Oxfam aus dem Jahr 2021. Das Konzept des CO2-Fußabdrucks suggeriert jedoch eine mehr oder weniger gleiche Verantwortung aller Menschen. Fußabdrücke hinterlässt schließlich jeder. 

Geschichte zeigt: CO2-Fußabdruck soll Regulierungen verhindern

Der CO2-Fußabdruck vermittelt: Es genügt, wenn jeder seinen Konsum etwas zurückschraubt. Gesetze sind dazu nicht notwendig. Erst recht keine, die die Freiheit der Wirtschaft und der Konzerne beschneiden.

Mit dem Konzept des CO2-Fußabdrucks gelang es Unternehmen von der Möglichkeit von Regulierungen durch den Staat abzulenken. Durch den Fokus auf den individuellen Verbrauch nutzten sie die Sorgen der Menschen schamlos für ihre Zwecke aus. Heute gibt es kaum ein Unternehmen, das nicht mit “Nachhaltigkeit” wirbt und sich ein “grünes” Image verpasst. Ein Blick zurück, hilft um zu verstehen, worum es sich dabei handelt: Die neueste PR zur Verteidigung von Profitinteressen. 

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